Ostersprüche

Bei stiller Nacht zur ersten Wacht Ein Stimm gund zu klagen; Ich nahm in acht, was die doch sagt, Tat hin mit Augen schlagen.Ein junges Blut, von Sitten gut, Alleinig, ohn Gefahrten, In großer Not, fast halber tot, Im Garten lag auf Erden.Es war der liebe Gottessohn, Sein Haupt hat er in Armen, Viel weiß und bleicher als der Mon, Ein Stein es möcht erbarmen."Ach, Vater, liebster Vater mein, Und muß den Kelch ich trinken? Und mags dann ja nit anders sein? Mein Seel nit laß versinken!""Ach, liebes Kind, trink aus geschwind, Dirs laß in Treuen sagen. Sei wohl gesinnt, bald überwind, Den Handel mußt du wagen.""Ach, Vater mein, und kanns nit sein, Und muß ichs je dann wagen, Will trinken rein den Kelch allein, Kann dirs ja nit versagen.Doch Sinn und Mut erschrecken tut, Soll ich mein Leben lassen. O bitter Tod! mein Angst und Not Ist über alle Maßen.Maria zart, jungfräulich Art, Sollst du mein Schmerzen wissen, Mein Leiden hart zu dieser Fahrt, Dein Herz wär schon gerissen.Ach, Mutter mein, bin ja kein Stein, Das Herz mir durft zerspringen; Sehr große Pein muß nehmen ein, Mit Tod und Marter ringen.Ade, ade, zu guter Nacht, Maria, Mutter milde! Ist niemand, der denn mit mir wacht In dieser Wüsten wilde?Ein Kreuz mir vor den Augen schwebt, O weh der Pein und Schmerzen! Dran soll ich morgen wern erhebt, Das greifet mir zu Herzen.Viel Ruten, Geißel Skorpion, In meinen Ohren sausen. Auch kommt mir vor ein dörnern Kron O Gott, wen sollt nit grausen?Zu Gott hab ich gerufen zwar, Aus tiefen Todesbanden; Dennoch ich bleib verlassen gar, Ist Hilf noch Trost vorhanden.Der schöne Mon will untergohn, Vor Leid nit mehr mag scheinen; Die Sternen lan ihr Glitzen stahn, Mit mir sie wollen weinen.Kein Vogelsang noch Freudenklang Man höret in den Lüften, Die wilden Tier traurn auch mit mir In Steinen und in Klüften.

Friedrich von Spee-Langenfeld

Nimm, Herr, mich mit auf deinem Todesgange, Daß ich den letzten Segen noch empfange, Den du im Dulden, Bluten und Erblassen Der Welt gelassen.Mit Zions Töchtern möcht ich um dich klagen, Mit Simon dir den Marterbalken tragen Und mit Johannes unter bittern Wehen Am Kreuze stehen.Die Füße, die mit nimmermüdem Schritte So sanft gewandelt in des Volkes Mitte, O laß mich sie, eh' sie erstarren müssen, Noch einmal küssen.Die Hände, die nur wohlgetan auf Erden Und zum Dank ans Holz geheftet werden, O breite sie vom Kreuzesarm zum Segen Mir noch entgegen!Ihr Lippen, stets holdselig anzuhören, So vielgetreu im Trösten, Mahnen, Lehren, O gönnt mir noch, eh' ihr euch müßt entfärben, Ein Wort im Sterben!Doch stille, horch! Die Hammerschläge klingen, die ihm durchs Fleisch und mir durchs Herze dringen, Er aber fleht zu Gott mit Engelsmienen: Vergib du ihnen!Nun hängt er nackt inmitten der Verbrecher Und neigt sich mild zum reuevollen Schächer Und öffnet ihm mit hohem Gnadenworte Des Himmels Pforte.Die Mutter sieht er mit dem Schwert im Herzen, Am Kreuze stehn in namenlosen Schmerzen, Drum sorgt er, daß an Sohnesstatt ihr bliebe Johannis Liebe.Jetzt aber sieh! wie sich der Tag umnachtet; Jetzt aber horch! wie seine Seele schmachtet: Mein Gott, mein Gott, was hast du mich verlassen? Wer kann es fassen?Mich dürstet! klagt er, seine Glieder beben, Die Zunge muß verdorrt am Gaumen kleben: Lebendig Wasser strömt vom Lebensfürsten, Und er muß dürsten.Doch nur getrost, schon ist sein Kampf geendet, Die Schrift erfüllt, des Vaters Werk vollendet, Es ist vollbracht! - durch alle Himmelshallen Soll's widerschallen.Aus Wolkennacht schon dämmert neu die Sonne, Das Todesweh geht aus in Himmelswonne, Und sterbend spricht er: Vater, ich befehle Dir meine Seele.Es ist vollbracht! mein Heiland ist verschieden, Sein müdes Haupt, es neigt sich nun im Frieden; Die Erde bebt, des Abgrunds Felsen splittern, Die Menschen zittern.Das Volk verstummt und wendet sich zu gehen, Doch Herr, deine Kreuz bleibt aufgerichtet stehen, Ein Heilspanier der Welt für alle Zeiten Und Ewigkeiten.Mich aber laß an deinem Kreuz verweilen, Dein schuldlos Blut soll meine Wunden heilen, Dein bittrer Kampf soll mir den Frieden geben, Dein Tod das Leben!

Karl von Gerok

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